HSP Coaching – meine Meinung zum neuen „Trend“

Ich habe das Gefühl, dass es mittlerweile zu jedem Thema und jeder Situation einen Coach gibt, der einem helfen, motivieren, beraten und aus uns einen besseren Menschen machen soll. Auf vielen Gebieten macht das durchaus Sinn. Vor allem macht das Sinn, weil man die Erkenntnis gewonnen hat, dass man sein Vorhaben allein nicht schaffen kann. Allein dieser Punkt bringt neuen Schwung in die Angelegenheit.

Ich bin zum Beispiel beim Yoga immer sehr froh, dass da vorne jemand steht, der mich runterbringt und überhaupt erst in die Lage versetzt irgendwelche wahnwitzigen Übungen zu machen. Zu Hause mache ich zwar auch Yoga, aber hier geht das meist nur zwischen Tür und Angel. Das Gefühl geht einfach verloren und ich denke zu viel nach.

Aber was/wen/wie/warum soll man bei Hochsensibilität coachen? Nachdem ich auf einige Coachs und Seiten aufmerksam gemacht wurde (Danke liebe Cookies und Co.), habe ich mich mal durchgeklickt. Und? Ich bin im Grunde so schlau wie vorher…

Zunächst einmal werden Gespräche für Menschen angeboten, die gerade erst von ihrer Hochsensibilität erfahren haben. Das macht für mich noch Sinn, da nicht jeder die Zeit und die Muße hat, sich durch die umfangreiche Fachlektüre zu lesen. Abgesehen davon sind die Auswirkungen der Hochsensibilität sehr unterschiedlich und auch die Ausprägungen sind immer anders. Da können schon Fragen aufkommen, die ein Buch nicht beantworten kann. Zum Beispiel die, ob die Gewissheit hochsensibel zu sein überhaupt etwas an meinem Leben ändert. Für viele ändert sich nämlich überhaupt nichts, da die Ausprägung zu gering ist und man keine negativen Konsequenzen daraus hat. Daher erklären sich durch die „Diagnose“ nur einige, teils komische, Verhaltensweisen, über die man sich amüsieren kann. Ich sortiere zum Beispiel unbemerkt alles nach Farben und Formen und wenn ich mir irgendwann darüber bewusst werde, dann habe ich etwas zum Lachen.

Weitere Angebote sind das Erkennen von Perspektiven und die (Neu-) Ordnung des alltäglichen Lebens. Wie gesagt, für viele ändert die Diagnose nichts, also muss man sich da nicht verrückt machen. Anderen wird vielleicht bewusst, dass ein anderer Beruf vielleicht doch besser für sie geeignet wäre. Das liegt daran, dass man endlich die Bestätigung für seine unsichtbaren Fähigkeiten bekommen hat und nicht mehr als bekloppt hingestellt wird. Bei der Jobsuche oder der Jobwahl wäre meiner Meinung nach allerdings eine Berufsberatung sinnvoller, als ein HSP-Coach.

Dem Thema Ordnung stehe ich auch etwas kritisch gegenüber. Natürlich muss eine gewisse Ordnung herrschen, wenn ich ganz normal arbeite und nicht ständig durch meine „Macken“ abgelenkt werden möchte. In schweren Fällen geht es sogar darum, überhaupt aufzustehen und irgendwas mit dem Tag anzufangen – das geht aber schon in Richtung Depression und gehört dringend in psychologische Hände und nicht in die eines Coachs.

Da viele HSPler sehr kreative Menschen sind, muss man das richtige Maß an Ordnung finden. Zu viel Ordnung schafft Barrieren und man wird unglücklich, weil man sich nicht immer an die aufgestellten Regeln halten kann. Ich sollte mich eigentlich an feste Essenszeiten halten, aber das kann ich nicht. Mal bin ich gerade voll in meine Arbeit vertieft und würde durch eine Unterbrechung alles kaputt machen, ein anderes Mal werde ich durch andere gestört und vom essen abgehalten und wieder ein anderes Mal habe ich einfach keinen Hunger. Auch das Festlegen fester Arbeitszeiten funktioniert für mich überhaupt nicht. Ich habe zwar gewisse Kernarbeitszeiten, aber nach vorne und hinten ist alles offen.

Ordnung muss jeder für sich selber schaffen. Von außen gegebene Regelungen und Vorschläge können hilfreich sein, sie können einen aber auch behindern.

Als nächstes habe ich etwas über das Erkennen der positiven Seiten der Hochsensibilität gelesen. Ganz ehrlich? Wenn man Ruhe hat, dann erkennt man die positiven Seiten auch ganz allein und ist vermutlich glücklicher, sie selber entdeckt zu haben, als sie aufgezeigt bekommen zu haben. Klar, wenn man erstmal nur die negativen Seiten zu spüren bekommt, dann kann es schon hilfreich sein, wenn einem auch die positiven Seiten näher gebracht werden. Viele von uns lassen sich dann aber nur schwer aus ihrer schlechten Stimmung bringen und es ist hilfreicher, sich selbst wieder in eine gute Laune zu versetzen.

Meist wird man aber mit den Vorteilen konfrontiert und muss sich einfach nur darüber freuen. Ich finde es jedoch viel wichtiger, über die negativen Seiten zu sprechen, denn negative Dinge wirken sich stärker auf unser Gemüt aus, als positive. Außerdem müssen Betroffene lernen, mit unschönen Situationen zurecht zu kommen. Nicht immer und überall kann Rücksicht auf uns genommen werden und Außenstehende verstehen oft auch unser Problem mit einer gewissen Situation nicht.

Aus diesen Gründen würde für mich das Erlernen von Lösungs- und Notfallstrategien ganz oben auf der Coaching-Liste stehen. Leider habe ich nirgends solche Ansätze gefunden und ich fühle mich mal wieder in meinem Eindruck bestätigt, dass die Hochsensibilität in vielen Fällen nur positiv dargestellt wird und alles andere unter den Tisch fällt. Dabei ist es keineswegs schön, wenn ich ein Treffen mit meinen Freunden vorzeitig beenden muss, nur weil mir deren Kind zu sehr zu schaffen macht.

Was mich aber wirklich extrem stört, ist die Aufmachung einiger HSP-Hilfe-Seiten und die Menschen dazu. Da sitzen langhaarige Männer mit komischen Bärten und ungeschminkte Frauen mit ungefärbten Haaren in ökologisch korrekter Kleidung und Lächeln entspannt und gleichzeitig irgendwie weise in die Kamera. DAS BIN ICH NICHT UND DAS MÖCHTE ICH AUCH NICHT SEIN!!! Ich habe gefärbte Haare, ich liebe Schminke und ich trage normale Kleidung, die leider nicht immer 100% ökologisch korrekt ist. Passe ich so nicht mehr in das Bild einer hochsensiblen Person? Muss ich jetzt aus dem „Club“ austreten und mich wieder als „bekloppt“ darstellen lassen? Wohl kaum! Es muss doch auch „normale“ HSPler geben. Tut es auch, aber die befassen sich nicht so intensiv mit diesem Thema/ können sich gar nicht so intensiv damit beschäftigen, weil sie ein unauffälliges, normales Leben führen. Also HSP-Neulinge: keine Angst, ihr müsst jetzt nicht in ein Baumhaus ziehen und euch mit eigenen Pflanzen und Tieren selbst versorgen. Ihr müsst auch nicht täglich über Blumenwiesen hüpfen und im Wald jeden Baum umarmen! Leider ist es aber das, was solche Seiten einem auf den ersten Blick vermitteln und das schreckt ab. Das schreckt nicht nur ab, das steckt uns wieder in die „Bekloppten-Kiste“, aus der wir doch gerade erst durch die Diagnose ‚Hochsensibilität‘ raus gekommen sind.

Mein Fazit: ich sehe so ein Coaching sehr kritisch. Am Anfang mag es bis zu einem gewissen Punkt hilfreich und informativ sein, aber dann ist für mich auch schon Schluss. Bei weiteren Problemen und Fragen würde ich mich lieber an eine Selbsthilfegruppe oder bei wirklich schwerwiegenden Sachen an entsprechende Profis, zum Beispiel Psychologen oder Psychotherapeuten, wenden. Der Vorteil von Gruppen ist, dass man viele Meinungen und Erfahrungen zu hören bekommt und sich so selbst das für sich Richtige aussuchen und erarbeiten kann.

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