Soziale Ängste

Eigentlich bin ich kein Blogparaden-Fan, aber die von Gerda Neumann vom Blog „selbstvertraut“ hat mich sehr neugierig gemacht und wir werden mal sehen, ob ich meinen Beitrag dazu leisten kann.

Es geht um das Thema „Sozialangst“: http://selbstvertraut.com/blogparade-sozialangst/

Als HSP’ler (HSP – ich oute mich mal…) fühle ich mich diesbezüglich selbstverständlich angesprochen. Wir haben nämlich nicht nur besonders sensible Antennen im sozialen Bereich, sondern teilweise echt irrationale Ängste.

 

Kurz zur Begrifflichkeit

„Sozialangst“ oder „Sozialphobie“ ist eine neurotische Belastungsstörung, die sich vor allem auf Handlungen unter Anwesenheit Dritter bezieht. Diese können einen dabei schließlich nicht nur beobachten, sondern die Handlungen auch kommentieren und kritisieren. Landläufig sagt man, dass Menschen mit solchen Problemen krankhaft schüchtern sind.

Ganz wichtig ist auch, dass man diese Störung nicht mit Lampenfieber verwechselt. So sind Prüfungsangst und etwas Bammel vor einer Rede oder einem Vortrag völlig normal und für jeden nachvollziehbar.

Die Sozialangst bezieht sich auf alltägliche Situationen, die eigentlich überhaupt kein Problem darstellen sollten und genau aus diesem Grund für viele nicht nachvollziehbar sind. Wer aufgepasst hat – der Begriff „Angst“ sagt schon, dass man den Auslöser/Grund nicht genau und rational beschreiben kann –> Angst ist diffus.

 

Wie sieht diese Angst aus?

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll… Ich fange mal relativ früh an, in der Schule.

Wenn ihr im Unterricht mal dringend auf die Toilette musstet, habt ihr euch gemeldet und seid gegangen oder habt ihr gewartet, bis sich jemand anderes meldet und zuerst auf die Toilette marschiert? Viele von uns entscheiden sich wohl für das Warten, bis jemand anderes den ersten Schritt macht. Warum warten wir? Weil wir durch die andere Person in unserem Vorhaben bestätigt werden – es ist also ok im Unterricht mal austreten zu müssen. Und wer sich etwas mit Psychologie beschäftigt, der weiß, dass Bestätigung für uns enorm wichtig ist. Selbstverständlich melden wir uns aber nicht gleich, sondern warten noch ein paar Augenblicke – es soll ja keiner von uns denken, dass wir nur auf diese Gelegenheit gewartet haben. Irgendwie bekloppt, oder?

Im Studium verhält es sich genauso, obwohl es dort eigentlich wirklich niemanden kümmert, ob und wann wer auf die Toilette geht. Interessant, aber vollkommen logisch, ist auch, dass wir in größerer Gesellschaft länger warten. Je mehr Leute mich in einer Situation beobachten können, desto länger warte ich bzw. desto vorsichtiger agiere ich.

Irgendwer hat uns wohl irgendwann eingetrichtert, dass es unhöflich ist aufzustehen, wenn einer mit uns redet. In Zeiten von Frontalunterricht und Frontalvorlesungen steht aber nun mal einer da vorne und redet ohne Unterlass 90 Minuten lang auf uns ein. Dass man da mal auf die Toilette muss, oder sich mal anders hinsetzen muss (macht ja auch Geräusche und erregt unerwünschte Aufmerksamkeit) ist vollkommen menschlich, aber für viele von uns derart unangenehm, dass wir es lieber sein lassen und vor uns hin leiden.

Eine noch schlimmere Situation ist das „Drannehmen“, also die spontane Aufforderung durch die Lehrkraft eine Frage zu beantworten. Der HORROR!!! Ganz früher habe ich mich immer total erschrocken und bin in Schockstarre verfallen. Da kam wirklich nix mehr aus mir raus. Später habe ich einfach etwas länger für die Antwort gebraucht – ich muss eben gründlich nachdenken und alles mit mir ausdiskutieren (typisch HSP), bevor ich auf eine Frage antworte – und viele haben mich dann schon immer schräg angeguckt. Die einen dachten, ich sei doof und die anderen dachten, ich sei arrogant. Nein, ich bin tiefgründig und überlegt!

Eine andere Situation ist das Essen in Gesellschaft. Da ich ohnehin ein Zitterhändchen bin, ist das für mich immer doof. Wenn dann aber Menschen am Tisch sitzen, die mir nicht so vertraut sind, wird das Zittern immer schlimmer und lässt sich nur noch mit Sekt in den Griff bekommen.

„Warum guckt der/die so komisch? Habe ich was im Gesicht? Habe ich gekleckert? Ist meine Essenswahl unnormal?…“, sowas geht mir durch den Kopf und beschäftigt mich so sehr, dass ich nach dem Essen nur noch totmüde ins Bett fallen kann.

Ziemlich bescheuert, denn mich interessieren die Meinungen anderer nur äußerst peripher (außer ich frage danach). Allerdings interessiert sich irgendwas in mir genau für solche Dinge und ich kann das nicht abschalten. Besonders die Situationen sind total bescheuert. Du kannst mir zum Beispiel direkt ins Gesicht sagen, dass mein Outfit doof aussieht und es ist mir egal. Guckst du mich aber beim Tisch Abwischen komisch an, dann macht mich das wahnsinnig und ich muss wissen, wo dein Problem liegt. Beim Tisch Abwischen kann man ja nicht viel falsch machen, aber ich komme trotzdem ins Zweifeln.

 

Ausschlaggebend für diesen Beitrag war jedoch die Tatsache, dass bei uns die Wasserzähler getauscht wurden. Wir haben ein extrem kleines Badezimmer und die meisten Handwerker sind eher von kräftiger Statur. Also musste so ziemlich alles in der Nähe des Wasserzählerkastens verschwinden, was schon sehr „lustig“ war, da ich als Mode- und Beautybloggerin eben sehr viel im Bad stehen habe. Egal… Zwischen 13 und 15 Uhr sollte also jemand kommen und den Zähler tauschen. Um 11 habe ich also nochmal schnell durchgewischt usw. (beim Bad habe ich mich echt pissig) und *TAADAAA!!!* …kurz nach 11 klingelt es. Die Handwerker sind schon da. Klitschnass und mit meinen Putzsachen bewaffnet bin ich dann in einer filmreifen Ninja-Bewegung ins Schlafzimmer gehechtet und habe die Tür hinter mir geschlossen.

Dann fing es an… Wanne und Waschbecken waren noch feucht und es roch nach Putzmitteln. Folglich wussten sie schon mal, dass ich extra nochmal geputzt habe -blöd- aber naja, macht wohl jeder so; schließlich wollen wir doch einen guten Eindruck machen. Was mich jedoch extrem gestört hat war die Tatsache, dass ich genau wusste, dass bei meiner letzten Wischbewegung noch ein Haar von mir an der Wanne kleben blieb. Da ich rote Haare habe, ist das an einer weißen Wanne schon auffällig. Meine Güte habe ich mich fertig gemacht! „Was die jetzt wohl von mir denken???“…

Nichts natürlich! Das sind Männer und denen fällt sowas eher selten auf. Außerdem würden die wenigsten damit wohl eine schlampige Putzweise verbinden. Es ist normal, dass man in einem Badezimmer ein Haar findet und trotzdem habe ich mich dafür geschämt.

 

Wie kann sowas sein? Warum ist der Druck von außen so groß und warum machen uns normale Situationen und Gegebenheiten so fertig?

WARUM LASSEN WIR UNS FERTIG MACHEN?

Keine Ahnung.

 

Wie können wir damit umgehen?

Zuerst sollten wir uns alle mal ein wenig entspannen und nicht alles glauben, was wir so im Fernsehen und in Zeitschriften sehen. Das ist wie mit dem Aussehen – die perfekten Menschen sind nicht echt.

Außerdem sollten wir mal darüber nachdenken, was denn die Konsequenz aus solchen Situationen und unserem Handeln ist. Nichts, es gibt keine Konsequenzen, wenn wir mal kurz die Toilette aufsuchen. Der Redner wird uns nicht auffressen und das was wir verpasst haben, können wir nachholen.

Jugendliche würden sagen: „Chill‘ ma!“ 

 

*In schwerwiegenden Fällen sollte man sich natürlich professionelle Hilfe suchen.

 

 

4 Gedanken zu „Soziale Ängste

  1. Tanja L. sagt:

    Oh je, es klingt, als ob dein Leben ziemlich anstrengend wäre. Ich habe auch eine Freundin, die ähnliche Gedankengänge hat wie du, nur dass sie zusätzlich auch noch Magersüchtig ist. Bis heute weiß ich leider nicht, was außer gut zureden man tun kann, um der anderen Person klar zu machen, dass sie sich nicht darum kümmern soll, was andere denken KÖNNTEN, denn 99% der Mitmenschen nehmen einen doch eh nicht wahr wenn man durch die Stadt läuft oder haben einen nach spätestens 60 Sekunden wieder komplett vergessen…

    • Stil Helferin sagt:

      Ja, leicht ist anders! 😀
      Ich denke mal, dass viele Menschen, die so an sich, ihrer Wahrnehmung, ihrem Handeln etc. zweifeln, auch eine Essstörung haben. Das macht das Leben auch nicht leichter, zumal man in den Extremen immer eine Art von Anerkennung finden kann.
      „Gut zureden“ ist so eine Sache… für mich ist das wie Mitleid und das mag ich gar nicht. In dem Moment, in dem mir jemand gut zuredet, macht mir derjenige bewusst, dass ich anders bin und das verstärkt die Ängste noch. Ich wäre froh, wenn mich jemand fragen würde, was er/sie in so einer Situation machen soll und ich würde sagen, dass er/sie mich im besten Fall ignorieren soll. Wenn ich keine Aufmerksamkeit bekomme, dann beruhige ich mich wesentlich schneller und mein Gegenüber ist dann in seiner Gelassenheit ein Vorbild für mich.
      Aber jeder muss da seine eigene Lösung finden. 😉

      LG, Jessi

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