Gefühlssache

Als HSP (HSP – ich oute mich mal…) hat man häufig so seine Problemchen mit den eigenen Gefühlen und den Gefühlen anderer. Im Gegensatz zu einigen Autisten, die Gefühle nur sehr schwer interpretieren und dementsprechend reagieren können, überinterpretieren wir die ganze Chose und behandeln unser Gegenüber häufig wie ein rohes Ei. Unsere eigenen Gefühle hingegen dämmen wir sehr stark ein und zeigen sie nur in einem sehr geringen Ausmaß, weil wir der Meinung sind, dass es unangebracht sei und dass die anderen damit ohnehin nicht umgehen können – wir wollen niemandem zur Last fallen.

Nach außen wirken wir so immer sehr ruhig, gelassen und tiefenentspannt, aber in uns brodelt ein Vulkan, der irgendwann ausbrechen muss. Lassen wir unsere Gefühle trotzdem nicht raus, sucht sich das Chaos seinen eigenen Weg nach draußen, was dann zB. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, starke Müdigkeit und sogar Depressionen sein können.

Dass das sehr unschöne Sachen sind, ist wohl jedem bekannt, aber der innere Zwang nach Contenance und heiler Welt ist sehr mächtig, sodass wir das Übel zu oft auf uns nehmen.

Da hilft nur tief durchatmen und raus damit! Wenn die anderen das dürfen, dann dürfen wir das auch! Das größte Problem damit haben mal wieder wir Frauen, denn von uns erwartet man zB. Wutausbrüche einfach nicht, wodurch sie von der Gesellschaft sehr negativ bewertet werden. Bei Männern ist es normal, dass ihnen mal der Kragen platzt und es ist gesellschaftlich anerkannt. Heulkrämpfe sind für Frauen schon „normaler“, werden aber auch wieder negativ bewertet, während Männer dann einfach nur als einfühlsam dargestellt werden. Wir können uns drehen und wenden, es wird immer jemanden geben, der das, was wir tun, nicht sonderlich toll finden wird, aber es nützt ja nichts!

Also fast euch ein Herz und schreit einfach mal drauf los. Meinetwegen könnt ihr dafür in den Wald gehen, da sind nicht so viele Menschen unterwegs.  Ihr werdet staunen, wie toll das ist und wie erleichtert man sich auf einmal fühlt – unglaublich. Man muss nicht gleich schreien, manchen von uns kann auch Sport sehr gut helfen, während andere Malen oder so. Also einfach ausprobieren.

 

Mit Wutausbrüchen und hitzigen Diskussionen habe ich kein Problem, denn ich suche gerne mal die Konfrontation. Totschweigen bringt bekanntlich nichts und wenn ich Recht habe, dann habe ich eben Recht – basta! 

Als HSP fühlt man die drohende Eskalation schon von Weitem und in dem Moment sprinte ich lieber gleich los und kläre die Sache, bevor wirklich irgendwann die Ka*** am Dampfen ist. Viele Leute verstehen das nicht und finden das vollkommen übertrieben und anstrengend (wer macht sich schon gerne Arbeit und Stress), aber im Nachhinein mussten sie mir schon oft danken. Harmonie ist für uns sehr wichtig!

 

Mein großes Problem ist die Adaption. Meine bessere Hälfte und ich arbeiten von zu Hause aus und da wir noch in unserer 2-Raum-Studentenbude leben, bleibt uns zum Arbeiten nur das Wohnzimmer. Er sitzt in einer Ecke und ich in der anderen. Wenn er dann mal mit einem Kollegen skyped und die beiden sich mal nicht einig werden können und sich ankeifen, dann drehe ich durch. Ich sauge die negative Stimmung auf wie ein Schwamm und bin dann grundlos stundenlang total genervt und in Weltuntergangsstimmung. Damit gehe ich mir vor allem selbst auf den Kranz.

Ähnlich ist es, wenn jemand traurig ist und heult – ich heule mit.

Das ist ganz schön anstrengend und man kann immer nur versuchen, sich nicht anstecken zu lassen. Leider klappt das nicht immer und dann muss man die Reißleine ziehen und sich zurückziehen. Ich mache dann Yoga, lese ein Buch, lackiere mir die Nägel oder färbe mir die Haare. Auf jeden Fall muss ich etwas machen, was mir Spaß macht. Ich habe auch schon versucht mich mit Putzen abzulenken, aber das geht voll nach hinten los – Putzen macht keinen Spaß und andere „sinnvolle“ Dinge lenken nicht genug ab, oder ziehen die Stimmung weiter nach unten.

 

Nachtrag: Gott sei Dank habe ich den Beitrag noch nicht veröffentlicht, denn gerade habe ich einen tollen Beitrag von einer Psychologin gelesen, die sich wirklich mal ernsthaft mit dem Phänomen Hochsensibilität beschäftigt hat – viele Psychologen tun uns leider immer noch als Spinner ab. –> https://mindfulamyblog.wordpress.com/2016/11/25/was-ist-hochsensibilitaet-50-fakten-ueber-hochsensible-menschen/

Sie schrieb mir aus der Seele, denn unsere starke Empathie heißt nicht, dass wir immer zu allen super nett und freundlich sind, so wie es leider sehr oft beschrieben wird. Im Gegenteil – wir können bei Unstimmigkeiten ziemlich böse werden und auch mal über die Stränge schlagen. Wenn uns jemand/seine Einstellung/seine Handlung nicht passt, dann können wir auch aufrichtig hassen. Tut uns jemand weh, oder jemandem, der uns sehr nahe steht, dann machen wir dieser Person die Hölle heiß und wir sagen das nicht nur so, wir meinen das tatsächlich ernst. Ungerechtigkeit können wir gar nicht leiden.

20 Gedanken zu „Gefühlssache

  1. Caren von Testundliebe sagt:

    Ein sehr schöner und ehrlicher Bericht. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Zumindest wurde mir ärztlicherseits bestätigt, dass ich ein „schlechtes Filtersystem“ habe, was einen ständigen Overload im Kopf begünstigt. Auch ich nehme Stimmungen sehr stark auf und spüre viel, was andere nicht spüren. Nunja, man muss damit leben lernen und sich von Gegebenheiten fern halten, die einem nicht guttun (oder es versuchen). Liebe Grüße Caren

    • Stil Helferin sagt:

      Hallo Caren,

      danke für deinen lieben Kommentar! Schön etwas von einer „Mitleidenden“ zu hören, der es ähnlich geht. 😉 „Damit leben lernen“ ist ab und an noch ein Problem für mich, aber es wird immer besser.

      Liebe Grüße,
      Jessi

  2. Jessica sagt:

    Sehr ehrlicher Bericht.
    Ich kenne diese Situationen z.b mit der beschriebenen Skype Unterhaltung🙈
    Ich bin dann auch jedesmal stundenlang noch genervt davon..
    Genau das ab zu gewöhnen fällt einem schwer.

  3. Annekatrin Schulz sagt:

    Hei!
    Ich habe deinen Bericht sehr gern gelesen und jetzt ist mein Interesse geweckt – wo kann ich denn den Artikel der Psychologin zum nachlesen finden? 🙂
    Außerdem überlege ich gerade ernsthaft, raus auf ein Feld zu gehen und zu schreien, einfach weil ichs kann und seit keineahnungwielange nicht mehr gemacht habe. Danke für die Erinnerung!
    LG

  4. Limalisoy sagt:

    Ein schöner Text, der aus der Seele spricht. Da ich mich selbst auch mir HSP befasse und dazu schon ein paar Berichte zu unseren Eigenarten (meine Kinder und ich sind unterschiedlich ausgeprägt) geschrieben habe, konnte ich mich gut in deinen Text einfühlen.
    Liebe Grüße,
    Yvonne

  5. Lisa sagt:

    Hallo,
    ein sehr ehrlicher Bericht. Und ja – Harmonie ist sehr wichtig. Aber wie du sagst, manchmal kommt man um eine Konfrontation nicht herum. Und dann lieber früher, als zu spät. Bevor die Emotionen bereits hochgekocht sind …
    Liebe Grüße und alles Gute, Lisa

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